Montag, 20 April 2015 – 04:37 Uhr

Psychologie in der Gemeinde: Das Spiel mit dem Verborgenen des Herzens

Das Spiel mit dem Verborgenen des Herzens

Photo: Tashatuvango - Shutterstock.com

Verzweifelt auf der Suche nach Hilfsangeboten, betätigt sich so mancher Gläubige unabsichtlich als Giftmischer. Von Michael Kerzendorfer

Wir leben heute in einer »psychologischen Gesellschaft«, und je mehr die Gemeinde Tendenzen der Verweltlichung zeigt, desto mehr spiegelt sie den Zeitgeist wieder. Der Einfluss der Psychologie auf das Denken und Handeln in unserer Gesellschaft im allgemeinen, auch auf das der Christen, sollte nicht unterschätzt werden. Der Geist der Weissagung warnt hier deutlich:

»Er [Satan] hat sich als Engel des Lichts verkleidet und täuscht Tausende und führt sie gefangen. Die Vorteile, die er aus den Wissenschaften des menschlichen Geistes gewinnt, sind gewaltig. Hier schleicht er sich wie eine Schlange unsichtbar in Gottes Werk hinein, um es zu verderben … Die Wissenschaften der Phrenologie, Psychologie und des Mesmerismus sind die Kanäle, durch die er direkt zu dieser Generation kommt und er arbeitet mit einer Kraft, die für das Ende der Gnadenzeit typisch ist.« (Mind, Character and Personality II, 698)

Von Interesse ist, in welchem Zusammenhang Ellen White hier die Psychologie erwähnt, nämlich gemeinsam mit der Phrenologie und dem Mesmerismus. Phrenologie ist die Lehre, aus der Schädelform auf den Charakter schließen zu können; sie begann zumindest in Deutschland mit dem Germanenkult und endete mit der Ermordung von sechs Millionen Juden. Der Mesmerismus dürfte bekannter sein; hier handelt es sich um suggestiv-hypnotische Verfahren, die zur »Behandlung« einer ganzen Palette von Krankheiten dienen sollen.

Wenn wir von »Psychologie« sprechen, so müssen wir das Fachgebiet etwas genauer betrachten. Auf der einen Seite versucht man die Psychologie zu einer möglichst exakten Wissenschaft zu machen, in dem Maß natürlich, wie es Menschen ohne biblisch-christliche Grundlage tun. Das heißt, die Voraussetzungen und Ergebnisse eines Versuchs werden ohne christlichen Hintergrund durchgeführt und interpretiert. Man muss also von einer scheinbaren Objektivität sprechen, denn jede wissenschaftliche Aussage steht in einem ideologisch begründeten Zusammenhang. Dieser Zusammenhang ist gegeben von der Gesellschaft in der geforscht wird, von den Zwängen des Wissenschaftsbetriebes, von dem individuellen Gewissen des Forschens und vom Forschungsgegenstand selbst, der gerade in der Psychologie ein äußerst schwieriger ist, denn schon in Jeremia 17,9-10 heißt es: »Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und gebe einem jeden nach seinem Tun, nach den Früchten seiner Werke.«

Der Wissenschaftler ist als Mensch in seinem Forschen grundsätzlich von bestimmten Interessen, sowie von seinen eigenen Wertvorstellungen beeinflusst, die sämtlich außerhalb des wissenschaftlichen Systems liegen. Er handelt im Sinne eigener Wert- und Normvorstellungen und strebt dabei immer bestimmte Ziele an. Daher sind alle psychologischen und pseudopsychologischen Systeme, manchmal offener und manchmal weniger offen auf die »Elemente« dieser Welt gegründet. Dennoch geht es hier nicht darum, eine pauschale Verurteilung vorzunehmen, sondern die Dinge im rechten Licht zu sehen.

Ellen White schreibt dazu: »Die Wissenschaften, welche den menschlichen Geist behandeln, werden sehr verherrlicht. Sie haben ihren Platz, aber sie wurden von Satan als seine mächtigen Mittel ergriffen, um Seelen zu täuschen und zu zerstören. Seine Künste werden als vom Himmel kommend angenommen, und er empfängt so die Anbetung, die ihm wohlgefällt. Die Welt, die scheinbar so sehr von der Phrenologie und dem animalischen Magnetismus profitiert, war niemals so korrupt wie heute. Durch diese Wissenschaften wird die Tugend zerstört und die Grundlage für den Spiritismus gelegt.« (Mind, Character and Personality II, 712)

In diesem Artikel geht es also vorwiegend um eine Psychologie der modernen Schulen, im Sinne einer »sogenannten« Wissenschaft, wie etwa der Psychotherapie von Sigmund Freud, der Psychoanalyse von Carl Gustav Jung und vielen humanistischen Spielarten der Therapie.
Wie und wodurch kommt die Psychologie in die Gemeinde?
Durch die immer mehr um sich greifende Verweltlichung entsteht ein geistliches Vakuum. Gleichzeitig treten in der Gemeinde immer mehr Konflikt- und Problemsituationen auf. Man möchte helfen, aber man fühlt sich hilflos. Der Ruf nach dem Fachmann wird laut.

Nun gelingt es Satan, diesen Mangelzustand für sich auszunutzen und sein Programm anzubieten. Der oder die Betroffene wird an einen Psychiater, Psychologen oder Psychotherapeuten überwiesen. Es ist aber scheinbar noch besser, wenn der »Therapeutische Seelsorger«, der »Kommunikationsexperte« gleich in der Gemeinde gegenwärtig und auch tätig ist. Man spricht hier vom sogenannten »Psychoklerus«.

Pastoren, Prediger und Pfarrer haben sich neue Lehrherren aus den Fachbereichen der Psychotherapie auserkoren und nehmen wissensdurstig Nachhilfe in Seminaren über Gruppendynamik, Pastoralpsychologie und Psychotechnologie. Viele scheuen weder Zeit noch Geld, reisen Hunderte von Kilometern um sich zum »Therapeutischen Seelsorger« oder »Psychologischen Berater« ausbilden zu lassen, um damit ihre schmerzhafte Unwissenheit in der »Autorität« Freuds, Jungs, Skinners oder Rogers endlich zu überwinden. Es ist die eigene permanente Hilflosigkeit der Seelsorger, die zuweilen selbst unter instabilen seelischen Gefühlslagen leiden, die in Glaubensfremde vom Fundament der Seelsorge, der Bibel, Abstand nehmen und nun in hoffnungsvoller Bereitschaft alles aufnehmen, was scheinbar Hilfe verspricht. Hat man ihnen doch in den Seelsorgeseminaren eingeredet: »Der Geistliche gibt den christlichen Trost und der Psychiater die nötige Behandlung, ohne dass einer mit dem anderen in Konflikt gerät.« (Jay E. Adams, Befreiende Seelsorge, 1984, S. 10) Solche Aussagen entwürdigen den Pastor zum überflüssigen Hilfsarbeiter.

M. Bobgan beschreibt diese Entwicklung folgendermaßen: »Die weltlichen Systeme haben den Seelsorgedienst unterminiert und Christen haben diese in solch einer Weise zu kopieren versucht, dass sich heutzutage die Christen unfähig fühlen zu helfen. Sogar begabte Christen, die Hirtendienst ausüben, haben das Gefühl, nicht qualifiziert genug für diesen Dienst zu sein, weil die Welt ein System von Anforderungen, Diplomen und Abschlüssen aufgestellt hat, um festzuhalten, wer die Fähigkeit zur Lebensberatung hat. Diese Entmutigung besteht, obwohl dieser Dienst eine Berufung Gottes und eine Gnadengabe ist.« (Martin Bobgan, Psychotherapie oder Seelsorge?, 1991, S. 15)

Es stellt sich mir die Frage, ob wir nicht unser geistliches Erstgeburtsrecht für eine psychologische Wassersuppe verkauft haben! Die Bibel sieht das so: »Mich, die lebendige Quelle verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben« (Jeremia 2,13)

Wir befinden uns mitten in einem gewaltigen Angriff auf die Festung der Bibel; ein Angriff, der jedoch scheinbar unbemerkt und schlangengleich durchgeführt wird. Schon vor zwanzig Jahren warnte Robertson McQuilkin:

»Meine These besteht darin, dass die größte Bedrohung für die Autorität der Bibel in den nächsten beiden Jahrzehnten in dem Verhaltenswissenschaftler besteht, der mit völlig gutem Gewissen Barrikaden aufbaut und den Haupteingang gegen jeden Theologen verteidigt, der die Inspiration und Autorität der Schrift angreift, während er die ganze Zeit über den Inhalt der Schrift durch kulturelle und psychologische Interpretation aus dem Hintereingang herausschmuggelt.« (Zit. nach Douglas »Bookmann«, The Scriptures and Biblical Counseling, S. 96)

Lesen wir dazu selbst die warnende Stimme eines Insiders, der uns diese dramatische Situation deutlich vor Augen führt:

»Echtes Christentum lässt sich mit Psychologie nicht gut vermischen. Wenn man es versucht, endet man häufig statt in einer christlichen Psychologie in einem verwässerten Christentum. Aber der Prozess ist sehr schleichend und wird deshalb kaum bemerkt. Auch ich selbst war mir nicht bewusst, dass ich zwei ganz unterschiedliche Auffassungen vermengen wollte. Und andere, deren Aufgabe es gewesen wäre, mich zu warnen, standen unter dem gleichen Bann.
Das war kein Frontalangriff auf das Christentum – ich bin sicher, dass ich dem widerstanden hätte. Diesmal war der Wolf nicht vor der Tür – der Wolf war schon im Pferch, allerdings im Schafspelz. Und er wurde von den Schäfern gestreichelt und verpäppelt, sodass man hätte meinen können, er sei ihr Lieblingsschaf.« (Zitiert in M. Bobgan, ebd., S. 24)

Als in der Zeit der Jahrhundertwende durch die Kellogg-Krise pantheistisches Gedankengut in unsere Gemeinde kam, wurde diesen Irrlehren durch Ellen White und anderen glaubenstreuen Männern der Kampf angesagt. Trotzdem wurden diese Einflüsse nie überwunden. Durch die subtilen Theorien Freuds und seiner zahlreichen Schüler kommen diese Irrtümer nun in verkleideter Form wieder auf uns zu. Zudem verbindet sich in der Psychiatrie die Psychotherapie oft mit der Medizin, was ihr den Glanz der Wissenschaftlichkeit verleiht.

Der Psychotherapeut ist eben häufig Arzt, der gerade in unseren Tagen in der Vertrauensskala ganz oben steht. Wie der Arzt der Fachmann für den Körper, so ist der Psychotherapeut der Fachmann für die Seele – so der naheliegende Schluss. Darum glaubt man sich in besten Händen und vertraut sich ihm unbekümmert an. Nur wenige erkennen, dass es sich dabei um ein anderes Evangelium handelt, um ein falsches Heilsangebot. Wir wollen das jetzt auf die konkrete Gemeindesituation beziehen. Mit welchen Einflüssen ist zu rechnen?

Psychologie als Religionsersatz: Einfluss auf das Predigt- und Lehramt

Durch den Einfluss psychoanalytischer Literatur und durch verschiedene Schulungsprogramme kann es vorkommen, dass biblische Aussagen zu Unrecht erweitert oder falsch interpretiert werden. So hörte der Autor eine Predigt über das Seelenleben des Paulus, die weit über das biblische Ausmaß hinausging und ein »falsches« neues Licht hineinbrachte. Ein anderes Mal wurde die Josephsgeschichte mit einem ausladenden psychologischen Seelengemälde »gepredigt«. Als konkretes Beispiel möge ein Auszug aus einem Buch für evangelikale Jugendarbeit dienen, das vorwiegend im Sinne der Jung’schen Tiefenpsychologie gestaltet ist. Der Autor schreibt hier über Zachäus:

»Damit kompensiert er seinen Minderwertigkeitskomplex und seine verdrängten Schuldgefühle. Aber er demütigte sich nicht mit dem Ausgleich, er überkompensiert seinen Geltungstrieb und sein Bedürfnis nach Anerkennung.
Zachäus wird zum Ausbeuter, zum Schinder und zum Angeber … Zachäus ist voller Sehnsucht. Tief sitzt das Verlangen in ihm, endlich einmal er selbst sein zu dürfen. Er möchte aus seiner Rolle aussteigen:« (W. Wanner, Wer bin ich - wer bist du?, Handbuch für Jugendpsychologie, S. 217-218, Brunnenverlag)

Die Wiedergutmachung, die Zachäus leistet, erklärt der Autor nicht aus den Geboten Gottes, sondern daraus, dass Zachäus so viele kreative Möglichkeiten entdeckt! Durch den Geist dieser Welt haben schon viele Psychoanalytiker versucht, den Inhalt der Bibel auf den Kopf zu stellen. So schreibt Carl Gustav Jung über die Bekehrung des Paulus:

»Saulus verdankt seine Bekehrung weder der wahren Liebe, noch dem wahren Glauben noch sonst irgendeiner Wahrheit (!), einzig sein Christenhass hat ihn auf den Weg nach Damaskus und damit zu jenem Erlebnis geführt, das für sein Leben entscheidend werden sollte. Er hat seinen schlimmsten Irrtum mit der Überzeugung gelebt, und das führte ihn zu diesem Erlebnis.« (Carl Gustav Jung, Psychologie und Religion, zitiert in Wanner, Am anderen Ort, S. 117)

Dies sind Beispiele, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Der Einfluss verschiedener psychotherapeutischer Schulen, besonders aber der humanistischen Richtung, zeigt sich bei Predigten in der Verwendung eines ganz bestimmten Vokabulars, eingekleidet in Worthülsen. Da ist immer wieder die Rede von Selbstverwirklichung; Unabhängigkeit gegenüber Beeinflussung; du musst dich erst selbst lieben, bevor du andere lieben kannst; die aufrichtige Überzeugung vom eigenen Wert; Vergebung gegenüber sich selbst; Annahme des eigenen Ichs; der machtvolle Einfluss des Unterbewusstseins usw.

Solche Aussagen, die hier stichprobenartig angeführt wurden, konnten nur deshalb solchen Anklang finden, weil viele Christen es nie gelernt haben, biblisch zu denken und den Zeitgeist von biblischer Wahrheit zu unterscheiden!

So kommt es durch die Psychologisierung der Gemeinde immer mehr dazu, dass man grundlegende humanistische Aussagen von christlichen Positionen kaum mehr unterscheiden kann. Die Folge davon ist, dass das klare biblische Wort in seinem Einfluss auf die Hörer wirkungslos bleibt.

Einfluss auf die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit

Eine große List des Feindes besteht darin, dass die Psychologie das biblische Konzept der Sünde oft durch das vage Konzept der psychischen Krankheit ersetzt, das jede psychologische Schule neu definiert. So predigte ein »Kommunikationsexperte« in der Gemeinde, dass Maria gar nicht gesündigt hatte, sondern einfach psychisch krank gewesen sei! Wir verstehen diese Aussage, in diesem Fall kann nur mehr reine Psychotherapie helfen! Ähnliche Aussagen gibt es auf dem Gebiet der Homosexualität und bei Problemen mit Alkohol. Natürlich kann Alkoholismus zu Nerven- und Leberschädigungen führen, also organische Krankheiten hervorrufen, aber wo bleibt die Wurzel bei einem solchen Verhalten? Wenn wir nicht Sünde Sünde nennen, dann werden wir nur oberflächlich heilen können. Jeremia 8,11 sagt: »Sie heilen den Schaden meines Volkes nur oberflächlich, indem sie sagen: Friede, Friede! und ist doch nicht Friede.«

In 1. Korinther 6, 9-11 wird Sünde genannt, was Sünde ist, der Lösungsweg aufgezeigt und es endet mit einer konkreten Lebensveränderung.

Eng mit dem Problem der Sünde ist die Frage nach der Schuld verbunden. Deutlich zu erkennen ist dies in einer stetig zunehmenden Viktimisierung des christlichen Denkens. »Victim« heißt Opfer. Viktimisierung bedeutet also, dass wir uns als Opfer sehen. Schon Adam sah sich als Opfer dessen, dass Gott ihm diese Eva gegeben hat, und selbstverständlich war er das Opfer ihrer Überredungskunst.

Eva war wieder ein Opfer der Schlange. Seit damals hat sich die Sicht der Dinge fortgesetzt, nur dass die Begründungen viel klüger und geschickter geworden sind. Besonders die Psychologie tiefenpsychologischer Prägung hat hier ganze Arbeit geleistet. Seit Freud diese Lehre entwickelt hat, wissen wir es ganz genau, dass wir Opfer unserer frühkindlichen Erfahrungen, Opfer unserer unschuldig-erotischen Wünsche, Opfer unserer Psychodynamik (= ich kann nicht anders) usw. sind.

Die Verhaltenstherapie hat uns zusätzlich deutlich gemacht, dass wir Opfer unserer Konditionierungen und Lernerfahrungen sind. Die humanistische Psychologie sagt uns, dass wir Opfer einer lieblosen, von Unverständnis und mangelnder Akzeptanz geprägten Umwelt sind. Wäre die Umwelt besser gewesen, hätte sich unsere von Grund aus »gute« Natur entsprechend entfalten können. Wie spiegeln sich diese Dinge in der Gemeinde wieder?

Da wird von der Kanzel die »Teilschuld«! gepredigt. Geschwister weisen beharrlich auf das Problem der »eingebildeten« Schuld hin. Du bist schon okay, du redest dir deine Schuld nur ein. Aber wenn wir als Christen an der Verantwortlichkeit des Menschen festhalten, bedeutet dies nicht, ihm mit Härte und pharisäischem Unverständnis zu begegnen. Wenn ich verstanden habe, dass, wie es Paulus sagt, »in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt« (Römer 7,18), dann werde ich mich nicht über einen anderen überheben. Im Gegenteil, ich werde viel Verständnis für den aufbringen, der sich in einer Versuchung befindet und gerne davon loskommen möchte. Trotzdem kann ich ihm nicht die Verantwortung absprechen, denn wenn ich das tue, nehme ich ihm die Hoffnung auf Veränderung. Nur wo Verantwortlichkeit ist, da ist auch Hoffnung! Fühle ich mich als Opfer unbeeinflussbarer Umstände, die ich nicht zu verantworten habe, dann wird eine Veränderung nur schwer möglich sein.

Eine andere Ursache für die zunehmende Toleranzbreite gegenüber der Sünde liegt darin: Durch die verschiedenen psychotherapeutischen Richtungen wurde – unterschwellig oder konstant – eine neue Moral eingeführt. Auf dem Weg der psychoanalytisch eingeführten Logik werden Gottes Gebote der subjektiven Beliebigkeit preisgegeben. Nicht mehr Gottes ewige Ordnungen gelten als verbindliche Autorität des menschlichen Lebens, sondern psychoanalytische Thesen. Freuds Aussagen über das ungehemmte Ausleben der Gefühle und Wünsche haben unsere Gesellschaft geprägt. Die »neue« Moral, wie sie heute durch sexuelle Aufklärungsliteratur in den Schulen und durch Promiskuität vor und in der Ehe dargestellt wird, ist ohne die Sexualtheorien Freuds nicht denkbar.

Gerade in christlich-adventistischen Schulen und Universitäten stehen die Aussagen der Bibel und die Moraltheorien von Freud und seinen Schülern in einem Zweikampf. Jeder, der sein Gewissen beruhigen und seine fleischlichen Wünsche ausleben will, erfährt nun, dass es gut ist, die Ehe zu brechen, weil dadurch die Liebe zum Ehepartner nicht zweiseitig »verengt« bleibt und dadurch anregende »Impulse« bekommt. Nicht von Gott geführte und unter seinem Wort stehende »Seelsorger« empfehlen viel zu rasch eine Ehescheidung und hinterlassen dadurch tiefe Narben in der Seele des Hilfesuchenden.

Jetzt kann es auch – kraft der Autorität der Psychoanalyse – richtig sein, den Eltern den Gehorsam zu verweigern, denn Gehorsam würde nur das »Über-Ich« stärken und zu einer Zunahme des innerlichen »Druckes« führen, was ein »unausgeglichenes Unwohlsein« zur Folge haben könnte. Es gilt Folgendes zu erkennen: Was durch viele Jahrhunderte in Geboten und Ordnungen als richtig erkannt wurde und Autorität besaß, wird heute durch die verschiedenen Schulen der Psychotherapie als falsch abgewertet, weil es nach diesen Theorien einen krankmachenden Einfluss auf die Psyche haben könnte. Es handelt sich hier also keineswegs um einen wertfreien Weg zu einer stabileren seelischen Gesundheit, sondern faktisch um ein Religionssystem des modernen atheistischen Menschen, das den Glauben an Gott als »neurotisches Symptom« bekämpft und selbstherrlich Gottes Platz eingenommen hat. Ausnahmen bestätigen eher die Regel, denn weiterhin bildet eine bibeltreue Religion eine »Krücke«, die möglichst bald abgelegt werden muss.

In Zusammenhang mit einer falsch verstandenen Toleranz kommt auch in der Gemeinde die Meinung auf, man solle ohne entsprechende Zurückhaltung über alle persönlichen Gefühle und Neigungen sprechen. Ist es denn richtig, alle seine Gefühle, Motive und Einzelheiten seines Lebens vor fast jedem darzustellen? Der Geist der Welt mit seinen Fernseh-Talkshows und seinen psychologischen Gruppengesprächen, wo einer dem anderen so gut wie alles offenbart, schleicht sich auch in die Gemeinden ein. Die Bibel sagt dazu Folgendes: »Wo viele Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer seine Lippen in Zaum hält, der ist klug.« (Sprüche 10,19)

Die Bibel empfiehlt zuerst das Gespräch mit Gott allein: »Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsere Zuversicht.« (Psalm 62,9)

Natürlich ist hier nicht gemeint, alles für sich zu behalten, auch dort, wo man Rat brauchte. Gerade für eine solche einfühlsame Tätigkeit werden Menschen in der Gemeinde gebraucht.

Ellen White schreibt dazu: »Das bedeutet ein Ohr, das mit Mitgefühl den herzzerreißenden Berichten [Erzählungen] des Falschen, der Demütigung, der Verzweiflung und des Elends zuhören kann.« (Mind, Character and Personality II, 763)

»Wenn wir uns miteinander verbinden, um uns gegenseitig auf dem Weg zum Himmel zu helfen, wenn das Gespräch sich mit göttlichen und himmlischen Dingen befasst, dann ist die Gelegenheit gekommen, um zu reden; aber wenn das Gespräch sich um das eigene Ich bewegt oder sich mit irdischen und unwichtigen Dingen beschäftigt, dann ist Schweigen Gold. Der gehorsame Zuhörer wird eine Zurechtweisung mit Demut, Geduld und der Bereitschaft zu lernen aufnehmen. Nur dann werden unsere Verbindungen miteinander sich als hilfreich erweisen und das sein, was Gott haben möchte.« (Ebd., 772)

Nicht nur, dass wir Gott den ersten Platz einräumen sollen, wenn es um Probleme, Konflikte und Nöte geht, es sind vielmehr auch die göttlichen Regeln im Gespräch mit anderen zu beachten. Galater 6,1 sagt: »Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.«

Welche tragischen, bis in die Ewigkeit reichenden Folgen haben sich dadurch ereignet, dass Frauen Männern und Männer Frauen ihre Eheprobleme offenbart haben! Sind wir uns eigentlich bewusst, dass alle unsere Gespräche von Engeln aufgeschrieben werden? Ist es uns bekannt, dass Satan ebenfalls aus unseren Äußerungen seinen Vorteil zieht, weil er dann seine Versuchungen so zurechtlegen kann, dass wir leichter fallen? Ist es uns bewusst, wem wir uns anvertrauen und welche Folgen daraus resultieren können?

In Johannes 2,24 heißt es: »Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle … denn er wusste was im Menschen war.«

Der Einfluss auf den »rechten Arm« der Botschaft

»Die Erfahrungen der Vergangenheit werden sich wiederholen. In Gegenwart und Zukunft werden satanische Formen des Unglaubens neue Formen annehmen. Irrtümer werden in einer wohlgefälligen und einschmeichelnden Weise gebracht. Falsche Theorien, verkleidet als Engel des Lichts, werden dem Volk Gottes dargeboten. Auf diese Art wird er versuchen, auch die Auserwählten zu täuschen. Höchst verführerische Einflüsse werden ausgeübt; der Geist wird unter hypnotischem Einfluss stehen.« (Mind, Character and Personality II, 719)

Menschen mit Stressproblemen, Schmerzzuständen, psychosomatischen Erkrankungen und verschiedenen psychischen Problemen verwenden, meist ohne es zu erkennen, offene oder verborgene hypnotische Techniken. Ob beim Psychotherapeuten, Gesundheitspsychologen, Zahnarzt oder in der Kurklinik – überall werden hypnotische oder selbsthypnotische Techniken praktiziert. Natürlich unschuldig, um die nervöse Spannung der Kranken zu lindern, aber: »… der Geist wird nie wieder so stark und stabil sein wie vorher.« (Ebd., 706)

Was bedeutet das für ein Leben mit Christus, wenn der Geist nicht mehr so stark und zuverlässig ist wie vorher? »Mit unserem Geist erfassen wir geistliche Dinge und die Gehirnnerven, die das ganze System miteinander verbinden, sind das Medium, durch welches der Himmel mit dem Menschen in Verbindung steht und das unser inneres Leben beeinflusst.« (Ebd., 446) Erkennen wir jetzt die Tragweite eines so falschen Einflusses?

Daher warnt Ellen White wieder und wieder: »Wir sollen nichts zu tun haben mit einer solchen ›Wissenschaft‹. Wir sollten sie fürchten. Niemals sollten die ersten Prinzipien davon in irgendeine Institution gebracht werden.« (Ebd., 717)

»Ob das Etikett nun autogenes Training, gestufte Aktivhypnose, Entspannungsübungen nach Jakobson heißt, sie kommen und führen alle zum selben Ursprung.« (P. Halder, Verhaltenstherapie, S. 47/48)

Dennoch: Prediger, Evangelisten, Ärzte, Gesundheitsinstitute und Geschwister wenden diese Praktiken an!

Satan verkleidet sich, raffinierter als wir denken, als Engel des Lichts. Je mehr sich die Gnadenzeit ihrem Ende nähert, desto mehr kommt er im religiösen Gewand. Viele, allzu viele Gemeindeglieder sind völlig unvorbereitet. Sie würden ahnungslos in viele der vom Feind gelegten Fallen tappen. Hier der Abdruck eines Leserbriefes (Psychologie Heute, Sept. 1997):

»Die Einbeziehung des Religiösen kann Therapien effektiver machen und beschleunigen. Leuner berichtet in seinem Lehrbuch des katathymen Bilderlebens (= eine fortgeschrittene Stufe im autogenen Training), von einer Patientin mit Herzphobie, bei der in der ersten Sitzung spontan eine Begegnung mit der Christusgestalt geschieht. Bei ihr sind schon nach zwei Sitzungen die Symptome verschwunden und sie entwickelt ein neues Lebensgefühl. Ich selbst rege bei dafür geeigneter Thematik gezielt Christusvorstellungen an und mache damit überwiegend positive Erfahrungen.«

Zu diesem Bericht fällt mir ein Wort Jesu ein: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.« (Matthäus 16,26)

Im »Breath-Free-Programm« zur Raucherentwöhnung steht nicht mehr die persönliche Willensentscheidung und der Einfluss der Kraft Gottes im Vordergrund, sondern positives Denken und Visualisierung. In einer Broschüre des »Breath-Free« Programms wird dem Leser gesagt, dass er sich selbst ohne Zigaretten visualisieren soll, wodurch das »Unbewusste« beeinflusst wird und er den Sieg über die Zigarette haben kann. Denn durch das Visualisieren kommt »neue Stärke und Energie auf, um eine Veränderung zu bewirken.« (The Breath Free Stop Smoking Plan, S. 28-32)

Das Konzept der Visualisierung kommt vom Hinduismus, der lehrt, dass unsere äußere Wirklichkeit nur ein Traum (Maja), ein Ergebnis unseres Denkens ist. Somit kann man durch Änderung des Denkens und bloße Vorstellungskraft diese Wirklichkeit verändern. Unsere Vorstellungskraft bewirkt eine Veränderung der Persönlichkeit oder eine körperliche Heilung. Der höchste Grad der Visualisierung kann – nach der Hindu-Theorie – nur durch eine hypnotische Trance erreicht werden. Damit schließt sich der Kreis wieder.

Ob zum Zweck der Heilung des Gefühlslebens, ob zur Verbesserung des Gedächtnisses oder körperlich wieder gesünder zu werden, immer sind die Wurzeln des Verfahrens zu überprüfen. Nicht wenige Christen sind der Meinung, dass Methoden an sich wertfrei sind, es komme nur darauf an, wie und wofür man sie verwendet. Aber sind Methoden wirklich immer neutral, auch dort, wo es um den seelischen Bereich des Menschen geht? Ist es nicht so, dass jeder Psychotechnik eine bestimmte philosophisch-weltanschauliche Voraussetzung zugrunde liegt? Wer sich einer Methode bedient, wird von ihr beherrscht, denn mit der Methode übernimmt man den Geist, der Ursprung und Ziel bestimmt. Im Jahre 1983 enthielt das Time Magazin einen Artikel über Neuro-Linguistisches Programmieren: »Hypnose, Selbsthilfe, sprachliche Schulung und nicht verbale Kommunikation scheinen unzusammenhängende Teile in einer therapeutischen Wühlkiste zu sein. Nichtsdestoweniger sind dies alles wesentliche Komponenten in einer schnell wachsenden Therapie mit dem zungenbrechenden Titel: Neuro-Linguistisches Programmieren, kurz NLP.« (Time, 18. Dezember 1983)

In psychotherapeutischen und psychologischen Zeitschriften dominieren Anzeigen über NLP-Ausbildungen. Ob es sich um »Lernen, Lachen und Lieben« handelt, oder um die Entdeckung der »verborgenen Seiten deines Lebens« oder um »Erfolg im Beruf und im privaten Leben« – es wird NLP angeboten. Ein anderes Mal wird die »Macht des Einflusses« gelehrt. Was aber hat das mit der Gemeinde zu tun?

In den 70er Jahren wurde eine zwischenkirchliche Trainingsorganisation, die LEAD Consultants Inc. gegründet mit dem Ziel, Pastoren in der Fertigkeit des Umgangs mit Gemeindegliedern zu trainieren. Der Präsident dieser Organisation ist ein Methodistenprediger. In seinen Trainingskursen wird LAB I und LAB II unterrichtet, das sind Vorstufen zu NLP. Der Inhalt dieser Schulungen, die von wahrscheinlich hunderten Adventistenpredigern und Laien besucht wurden (Adventist Review vom 20. Febr. 1992) befasst sich mit Konzepten, wie man Leuten richtig zuhört, Widerstände im Gespräch auflöst oder wie man mit Personen umgeht, die einen persönlichen Verlust erlitten haben usw. In Leserbriefen zu diesem Thema meinen Gemeindeglieder, dass die »Psychologie, die gebracht wurde nicht prinzipiell schlecht war«, aber das Evangelium vollkommen fehlte. Oder: dass wir ein »Textbuch haben, das besser für einen Kurs zum Aneignen von Fertigkeiten bei Hausbesuchen geeignet ist, nämlich der Weg zur Gesundheit (Ministry of Healing) von Ellen White«.

Was aber scheinbar harmlos aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine stufenweise Einführung in hypnotische Praktiken. Die Bewusstseinslage des Teilnehmers wird schrittweise verändert, bis ein hypnotischer Zustand erreicht ist und die erwünschte Veränderung, die der Therapeut beabsichtigt hat, erreicht wurde. Dies alles geschieht mit verschiedenen Übungen, unter harmlos klingenden Namen, ins Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit gehüllt. Die Geschichte ist jedoch immer eine alte: Seit 6000 Jahren versucht die Menschheit ein Mehr an Erkenntnis, ein Mehr an Licht, ein Mehr an Macht und Geschick zu erreichen. Immer ist das Endziel der Wunsch, wie Gott zu sein, und Satan bietet seine Mittel an, um ihn »klug« zu machen. Schwester White schreibt dazu:

»Satan versuchte den ersten Adam in Eden und er ließ sich mit dem Feind ein und gab ihm dadurch einen Vorteil. Satan übte die Macht der Hypnose über Adam und Eva aus und strebte danach, sie auch über Christus auszuüben. Aber nachdem das Wort der Schrift zitiert wurde, erkannte Satan, dass er keine Chance zum Triumph hatte.« (Mind, Character and Personality II, 713)

Schulungen, Übungen in verschiedenen sozialen Fertigkeiten sind nicht in Bausch und Bogen zu verdammen; aber die Verwendung von Psychotechniken um inaktive, ausgetretene oder ausgeschlossene Gemeindeglieder wiederzugewinnen, ist ein schwerer Fehler. Hier wird das Wirken des Heiligen Geistes (vgl. Apostelgeschichte 16,14) durch profane weltliche Methoden ersetzt und die Frucht wird nicht ausbleiben.

Liebe Geschwister! In diesen letzten Tagen der Weltgeschichte ist Wachsamkeit in hohem Ausmaß, mit weit offenen Augen und Ohren notwendig.

»Die Macht Satans wird ständig dazu ausgeübt, das Empfindungsvermögen von Gottes Volk zu lähmen, damit sein Gewissen nicht so empfindlich gegenüber dem Falschen ist, und damit das Unterscheidungsmerkmal zwischen ihm und der Welt beseitigt wird.« (Testimonies I, 274-275)

Wir müssen wieder ein neues Vertrauen in die Quellen finden, die uns vom HERRN aus seinem Wort gegeben sind, denn »es besteht keine Notwendigkeit nach einer mysteriösen Wissenschaft zu suchen, um den Kranken zu helfen. Wir haben schon die Wissenschaft, die ihnen echte Ruhe schenkt, die Wissenschaft der Erlösung, die Wissenschaft der Wiederherstellung und die Wissenschaft eines lebendigen Glaubens an einen lebendigen Erlöser.« (Medical Ministry, 117)

Daher gilt mehr denn je das Wort unseres Gottes: »So spricht der HERR: Tretet hin an die Wege und schauet und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.« (Jeremia 6,16)

Zuerst erschienen in Unser festes Fundament, 2-1998


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